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Viele Jahre später, nachdem gewisse Geschehnisse am Stausee mir bereits entfallen waren, überkam mich immer so ein modriger Geruch. Der mir dann hartnäckig in der Nase stand. Das Laub schrumpfte einem frostig in der hohlen Hand. Mit den klammen Fingern kroch die Feuchte in den Anorak. Und es war schon einige Tage her, dass die Sonne des Südens unbarmherzig senkrecht über dem Äquator stand. Einen guten Grund für dunkle Gedanken gab es nicht. Nun, der Geruch verfolgte mich. Dann einige Tage lang. Wohin man auch ging. Glitschige Blätter, Gerüche, dunkle Gedanken. Was einem in diesen Tagen so an den Hacken hing. Und jeder Atemzug brachte auch so eine metallische Note mit sich.

Marco
Götz

Die dunkle Seite des Sees

Erster Teil - Eine Große Fee

High

Roman

©️Marco Götz, 2026


Würde mich heute jemand fragen, was es mit dem Fäulnisgeruch auf sich hatte, oder ob es nicht eine Sinnestäuschung gewesen sei, würde ich die Augenlider schließen. Es dauerte dann nicht lang und in einem Nachtsichtgerät konnte man flimmernde Gestalten in einem grünlich erhellten Dunkel erspähen. Fürs erste herrschte totenstille. Es roch nach faulen Eiern. Feuchten Lumpenhaufen. Mir glühten die Wangen. Die Luft schmeckte nach Waschbenzin. Stocksteif fühlten sich die Finger an. Ein seifiger Wischwasserfilm hatte die Haut benetzt.

Die Zehen schmirgelten auf grießligem Beton. Demnach musste ich barfuß stehen. Die Kälte im Boden kroch in die Zehen und zog bald alle Wärme aus den Knochen. Mir war, dass die Haut an den Sohlen schwand. Die Füße kribbelten. Dann wurden sie taub. Es war, dass einem die tote Kälte von unten messerscharf in die Waden stach. Im Boden waren dann Schallwellen zu spüren. Alsbald wabernden tiefe Bässe durch den Beton. Es geschah, dass der graue Nebel sank und auf dem schwingenden Beton zu einer Schmutzwasserlache zusammenlief.

Der Boden vibrierte. Ohne einen echten Ton abzugeben. Vor meinen Füßen begann sich die schwarze Lache zu drehen. Auf der rotierenden Lache zeichneten sich spiralförmige Rillen ab, die vom Rand her zu einem Abflussloch in der Mitte strudelten. Ich zögerte. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Dann setzte ich vorsichtig einen großen Zeh auf die äußerste Rille. Der Sound, der sich jetzt auf mich übertrug, sagte mir doch was? Zappa? Das Konterfei von Frank Zappa erschien. Im grünlich erhellten Dunkel, nicht weit von mir. Zappa. In geraumer Entfernung hockte da Frank Zapp auf dem Klo. Halbnackt. Die Hosen heruntergelassen. Die Arme verschränkt. Zappa blickte mich düster an. Die Augen lagen tief in schwarzen Höhlen. Und schauten mich durchdringend an. Kajal-Augen, denen ich standzuhalten schien. Gewiss, der Sound sagte mir was. Ich war benommen. Und erschrocken, wie heftig einem doch das Blut an der Schläfe pochen kann.

Zwischen Zappa und mir türmte sich ein Berg zerlöcherter Scheuerlappen. Aus dem es übel stank. Zappa hob die Augenbrauen an und tippte dabei mit dem Zeigefinger auf die Stelle am Handgelenk, an der sich bei mir eine Armbanduhr mit Taucherlünette befand. Ohne sich vom Klo herunterzubemühen. Dann holte er aus dem Dunkel einen zerlumpten Scheuerlappen hervor. Mit spitzen Fingern. Und warf ihn auf den Haufen zwischen uns. Mit Schwung. Ohne dabei eine Miene zu verziehen. Dann sah er mich wieder mit seinen Kajal-Augen an. Wie auf ein Kommando fasste ich in das Dunkel um mich her und ein widerlich stinkender Scheuerlappen lag mir in der Hand. Mit gerümpfter Nase ließ ich ihn auf den Haufen fallen. Ein stilles Triumphgefühl erwachte in mir. Nun war Zappa wieder am Zug. Seine linke Hand tauchte im Dunklen ab. Und fischte darin. Die Zeit verstrich. Und Zappa zog einen noch übleren Lappen aus der Finsternis hervor. Die schwarzen Augen schauten mich ungerührt an. Das Spiel mochte dann kein Ende finden. Der Scheuerlappenhaufen wuchs unaufhörlich an. War ich so leichtsinnig dünnbekleidet? Hatte ich nichts weiter als die klitschnasse Spritzjacke an? In meinem Rücken öffnete sich eine Tür zum Spalt. Schummriges Licht fiel herein. Mir war, ich fror.

Eine Weile noch, würde ich sagen. Und hielte die Augenlider fest geschlossen. Bis die stechende Kälte, die sich ewig drehende Schmutzwasserlache, das Wabern der Bässe im Beton, der Berg modriger Scheuerlappen, letztlich der zugedröhnte Zappa auf dem Klo, und jenes, was im Dunkeln lauern mochte, nach und nach verblasste, und von der Bildfläche wieder verschwand. Ich öffnete die Augen. Mir war, als hätte ich geträumt.

Ich kam dann auf diese Tage im Herbst, an denen ich am späten Nachmittag noch draußen auf dem Wasser war. Gewisse Nachmittage, an denen der üble Mundgeruch des Stausees über dem Wasser lag. Der Atem von Moder und Lauge stand in der Luft, und hatte sich bis in die letzte Stauseebucht hinein ausgebreitet. Es mochte trügerisch windstill gewesen sein, als der Geruch über dem Stausee hängen blieb. Ein lichter Schleier. Beschienen von einem gilben Licht. Ich war ahnungslos wie spät es schon war, denn in den Armbanduhren war die Zeit stehen geblieben.

Ich stürzte einen Steilhang hinunter. Zick-Zack-Pfade kreuzten sich verwirrend. Es war nicht die Zeit sich zu orientieren. Es hatte gestürmt. Meteorologisch war noch Altweibersommer. Der Hang zog das Licht noch an. Diese Stimmung nahm noch zu, hing man mit der Clique Am Totenfels ab. Bei tief stehendem Licht, rechter Hand vom Hang. Oder versuchte sich an dem Kunststück, täuschend echt eine Papirossa aus gilben Birkenlaub auf dem Oberschenkel zu rollen. Abseits der Clique, bis zum Einbruch der Dämmerung, An den Drei Birken, eine Stelle mit Bank, zentralgelegen am Hang. Ein Ort, der nach den ersten peitschenden Stürmen im Herbst einem geröteten Teufelsbuckel glich. Dann traten im Hang abschüssige Rinnen wie Äderchen hervor, in welchen der Schlamm allmählich hinunter zum Stausee kroch. Adern in Teufelskrallen, die Unterwasser auf den Stauseegrund reichten. In dieser Übergangszeit mochte es der Teufel, bei Einbruch der Dämmerung in den Stausee zu steigen. Und in den Stauseebuchten durch den Ufermorast zu waten. Ihm war dann, ein nächtliches Moorbad zu nehmen. Träumte man, konnte man am Hang leicht abrutschen. Der Altweibersommer lag in seinen letzten Zügen.

Ich kam ins Rutschen. Ich stolperte. Die Pfade waren mit Wurzelgeflecht, schlammigen Geröll, und Brombeerranken gespickt. Von oben sah alles immer noch waghalsiger aus. Es gelang mir nicht den Hang kontrolliert hinabzusteigen. Ich hatte ein höllisches Tempo drauf. Es war, als zöge einen das Wasser an. In der Uferböschung griff ich beherzt ins strähnige Gestrüpp. Erst im steinigen Ufersaum kam ich zum Stehen. Linker Hand ein Steg. Der übers dunkle Wasser führte. In der Spiegelung geisterte der Steg unter Wasser herum, verwaschen, auf den Kopf gedreht und von einer Strömung hin und her bewegt. Ich fasste mir ein Herz. Langsam trat ich an das pechschwarze Wasser heran. Und bei dem Gedanken an den Grund des Stausees, der sich unter dem schwarzen Wasserspiegel in der Tiefe verbarg, erfasste mich ein Schwindel. Das Wasser wellte leicht. Ich stand nicht weit entfernt vom Ende des Stegs. Mochte sein und da waren dunkel die Umrisse eines gesunkenen Kajaks zu sehen. Seinerzeit war ich neun Jahre alt.

Von den Tagen war nun nicht viel übriggeblieben. Der Anflug von Hundekälte fiel mir ein, betrat ich nach einigem Zögern den glitschigen Steg. Die Scharniere begannen metallisch zu quietschen. Ein schräger Klang, der im Gedächtnis hängenblieb. Das pechschwarze Wasser glänzte heimtückisch durch die Bretterspalten. Auf flachen Wellen war das Treiben herumgeisternder Schatten zu sehen. Einen Schritt weiter und die Beplankung geriet ins Schlingern. Das Wasser schwappte unter dem Steg und schlug rhythmisch die verbeulten Teerfässer an. Die man in diesen Tagen für taugliche Pontons hielt. Ich zögerte damit, auf den zerschlissenen Planken barfuß über das pechschwarze Wasser zu gehen. Dann setzte ich den ersten Fuß auf den Steg. Die Planken begann über den Wellen zu tanzen.

Ich vermied es auf den Moospelz zu treten. Der auf dem Steg verstreut noch zu wuchern schien. Dann fühlte es sich samtig zwischen den Zehen an. Ich ging auf leisen Pfoten. Lief über bemooste Planken. Dann mochte ich am Strand des pechschwarzen Meeres stehen. Dunkles Wasser, soweit das Auge reichte. Unablässig von Strömungen unter Wasser bewegt. Fröstelnd stand ich an der Bootstegkante. Ich war mit einer marineblauen Spritzjacke dünnbekleidet. Hatte die grüne Turnhose an. Das sagenhaft leichte Spartakiade-Paddel in der Hand. Mir war, als hätte ich ungläubig einen Zeh ins eiskalte Wasser gesteckt. Zu meinen Füßen wässerte ein Boot, ein orangefarbenes Kajak mehr. Ich hockte mich hin. Das Blut schoss mir in den Kopf. Das Paddel halb auf dem Steg, halb auf dem Boot, zum Einstieg abgelegt. Die linke Hand stützte sich auf dem Paddel ab, während die Rechte nach der Kajakluke griff. Noch bevor ich einen Fuß in das Kajak zu setzen konnte, begann das Boot höllisch zu kippeln. Gewiss zögerte ich. Und setzte mich nicht gleich im Kajak wie auf rohen Eiern zurecht. Bekam ich nicht immer windelweiche Knie, wenn unter mir etwas ins Schwanken geriet? Nun, ich sagte mir, dass dieses orangefarbene Kajak mit magischen Kräften gesegnet sei. Ich bete, dass dieses Kajak niemals umkippen würde, auch nicht bei stärkstem Wellengang und dass es niemals untergeht. Als ich wieder aufblickte, war ich auf der Stauseemitte, dann östlicher Hand. Ich hatte mich vom Steg tatsächlich abgedrückt.

Das Wasser wogte. Während ich das Paddel unermüdlich durch das Wasser zog. Und bei jedem Zug schrammte der Daumen am messerscharfen Sitzlukenrand. Ein Schmerz, der stechend in den klammen Fingern aufflackerte. Und den die Kälte rasch begrub. Ich hatte wohl tausend Paddelzüge hinter mir. Als ich am Start der Regattastrecke erschien. Mitten auf der Stauseeplatte. Ich legte das Paddel auf dem Wasser ab. Es zischte, als ob sich ein aufgeschreckter Schwarm Stockenten von der Stauseeplatte erhob. Die Bahnen zogen sich in einer Länge übers Wasser hin. Die mir endlos erschien. Schnurgerade und verwaist. Die Bahnen waren von orangefarbenen Bojen begrenzt. Eine Kette von Bojen, welche unter Wasser an verspannten Seilen hingen. Glitschige Bojen, handtellergroß, die man kaum zu fassen bekam. Darauf eine nicht allzu große schwarze 4. Leicht angefressen. Kaum noch eine Paddellänge entfernt. Das Kajak glitt auf die Startlinie zu. Eisern hielt ich das Paddel zur Kajakspitze vor.

In diesen Tagen schnappte ich mal auf: Der faulige Geruch rührte vom schwefligen Wasser her. Es hieß auch: Daran sei der saure Regen schuld. Ich hatte die Worte gut im Ohr. Und der faulige Geruch in der Nase verstärkte sich jetzt noch.

Die Bahn verjüngte sich. In Richtung Zieleinlauf. Das Ende der Regattastrecke führte in einen weichen Pinselstrich im Ufersaum. In der Flucht gesehen. Ein schmallippiger Strich am Stauseerand, von Unruhe beseelt, aschgrau und schwunghaft, wo es darauf ankam eine Bucht zu markieren. Ein Motorboot trieb seitlich der Strecke ab, rechter Hand. Das dunkelgebeizte Zielhäuschen unweit davon, linker Hand. Ein Lärchenkreuz, halbvermorscht, oberhalb des Uferstrichs. Aus der Entfernung nur zu erahnen.

Sodann der welke Hang. Steil, langgezogen, südlicher Hand. Man mochte in der Szenerie eine Naturtribüne am Fuße der Regattastrecke sehen. Vereinzelt gab es Bootsstege im steinigen Uferbereich. Der Anblick brachte mich dann auf gestrandete Blauwale, welche in ihren letzten Atemzügen lagen, ohnmächtig die Fluke ein letztes Mal zu heben. Abseitig ein Anglerplateau. Von einem dichten Buchensaum umgeben. Der Wächter an der dunklen Bucht. In den Sommerferien hörte ich davon, bei sengender Hitze brüteten da zwei Schneegänse in der abgeschirmten Bucht, jüngst von einem Berliner Lehrerinstitut in die Provinz delegiert. Sie aalten sich auf dem aufgeheizten Steg und hielten Händchen, vermeintlich durch einen provisorischen Windschutz aus Luftmatratzen sichtgeschützt.

Das Ende der Bucht brachte Treibgut im Morast mit sich, aus dem ich an einem späten Nachmittag mit einer Haselnussrute einen angespülten zerschlissenen zitronengelben Tennisball fischte. Ein halbversumpfter Flößerpfad führte zu einem bleihaltigen Mundloch. Aus dem es finster roch. Mich ergriff immer ein Schauer, da in der Höhle die dunklen Umrisse einer Bartholomäus-Fledermaus zu sehen war. Der Schatten hing kopfüber an einer Höhlenwand, die immerzu tropfte. Ein System von Wegen kreuzte sich verwirrend am Hang. Einschlägige Baummarkierungen wiesen den Weg zu einem Lavaerguß, Die Steinerne Rose, die niemals welkte. Unter der sich einmal im Hochsommer ein pergamentartiges Kreuzotternhemd fand, schon halbzerfallen. Das Zick-Zack-Band war kaum noch zu erahnen. Unterspülte Tritte führten zu den Stegen. Unweit der Stege fanden sich improvisierte Schieferplattenterrassierungen. Betonplattenstufen halfen über steile Böschungen hinweg. Und dann die weiß getünchte Aussichtsbank An den drei Birken, zentralgelegen am Hang.

Nicht weit ein Buchsbaumquartier. Die niedrige Hecke, dahinter ein namenloses Lärchenkreuz, schon halbvermorscht. In dessen Sichtweite ein neunjähriger Junge einst im Stausee ertrank. In die Latten war eine Inschrift geschnitzt: Warum? Schnörkelhaft und verwittert. Man hielt es auch nicht für nötig eine Jahreszahl mitzuteilen. Verweilte man, drang ein schallendes Gelächter auf dem Stausee heran.

Ein verwunschener Steig führte zu einer Trojka am Wasser hin: Holunderbusch, Brombeergestrüpp, ein frisch gekämmter Blaubeerstrauch. Drei Büsche, die sich im Schutze der Dämmerung verwandeln konnten. Und dann in Märchengestalt ans Ufer traten. Im Geäst fand sich nach einem Unwetter einmal ein Leinentuchfetzen. Weiß. Mit rostigen Flecken getränkt. Und dann schenkte ich der Legende Gehör, es sei Anfang August Fünfundvierzig gewesen, da an dieser Stelle ein blutjunger Rotarmist mit verbundenen Augen in der Dämmerung am Stauseeufer stand. Und tags darauf ein halbwüchsiger Werwolf. In auswegloser Lage, wie es hieß.

In Steillage dann die Datschen. Darüber der lichte Höhenweg. An dem man Eingangs eine verwitterte Schiefersäule passierte. Nicht weit davon ein Kastanienhain mit dem Gefallenendenkmal. In wenigen Schritten begann dann der Forst. Eine jähe Grenze. Und das Ende des Hanges.